Dach drauf, Förderung rein, Ärger vorprogrammiert: Solarenergie am Ferienhaus und die europäische Bürokratie-Dolce-Vita
Photo: Grendelkhan, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Es beginnt wie immer unschuldig. Man sitzt im Sommer auf der Terrasse des Ferienhauses in der Drôme, die Sonne brätst das Dach, der Stromzähler dreht sich bedächtig – und irgendwann fällt der Satz: „Hier könnten wir doch einfach Photovoltaik draufmachen.“ Was dann folgt, ist keine Renovierung. Es ist ein Kulturschock mit Dacheindeckung.
Der Formular-Marathon beginnt mit dem Mittagsschlaf
In Deutschland wäre das eine Sache von ein, zwei Behördengängen. Anmeldung beim Netzbetreiber, Antrag bei der KfW, fertig. In Frankreich hingegen lernt man schnell: Nichts – wirklich nichts – geschieht zwischen zwölf und drei Uhr nachmittags. Die Mairie hat geschlossen, der Installateur ist beim Mittagessen, und das Formular „Déclaration préalable de travaux“ wartet geduldig darauf, in dreifacher Ausfertigung ausgefüllt zu werden.
Wer Glück hat, wohnt in einer Gemeinde mit weniger als 500 Einwohnern, wo der Bürgermeister möglicherweise nebenan wohnt und das Ganze über eine Tasse Pastis erledigt. Wer Pech hat, sitzt in einem denkmalgeschützten Dorf, wo jede Dachziegel ein Genehmigungsverfahren verdient, das kunsthistorisch besser dokumentiert ist als manche Kathedrale.
Die EU erstattet – aber nur, wenn Sie Französisch, Italienisch und Geduld sprechen
Das eigentliche Kuriosum: Es gibt tatsächlich EU-Förderprogramme, die genau solche grenzüberschreitenden Energiesanierungen unterstützen sollen. Das Problem ist nur, dass die Antragsunterlagen in der Landessprache verfasst sind, die Fachbegriffe weder Babel noch DeepL wirklich beherrschen, und dass der Begriff „Selbstverbrauch“ in jedem Mitgliedsstaat eine leicht andere Bedeutung hat.
In Italien trifft man auf das Konzept der „Superbonus“-Ära, die Immobilienbesitzer noch immer traumatisiert. In Spanien ist die Autonome Gemeinschaft zuständig – je nach Region ein völlig anderes Regelwerk. Und in Kroatien fragt man lieber gar nicht erst, was der Stand der Dinge ist, sondern bringt beim nächsten Besuch einfach Kuchen mit und hofft.
Der Handwerker, der „morgen“ kommt
Jede:r Expatriate kennt ihn: den Handwerker, der sich zuverlässig ankündigt und dann zuverlässig nicht erscheint. Nicht aus Böswilligkeit – sondern weil in Süd-Europa Zeit eine andere Textur hat. „Demain“ kann morgen bedeuten, nächste Woche oder prinzipiell alles nach dem heutigen Tag.
Der Clou: Wenn er dann da ist, arbeitet er schneller und oft besser als so mancher deutsche Kollege. Die Anlage hängt in zwei Tagen am Dach, funktioniert tadellos – nur die Abnahme durch den örtlichen Netzbetreiber dauert jetzt wieder acht Monate. In dieser Zeit produzieren Sie Solarstrom, den niemand misst, und fühlen sich irgendwie wie ein Strom-Pirat mit gutem Gewissen.
Was man daraus lernen kann
Die Lektion lautet nicht „lass es bleiben“. Die Lektion lautet: Planen wie ein Deutscher, durchhalten wie ein Italiener, verhandeln wie ein Franzose. Und vor allem: lokale Hilfe suchen. Der Nachbar, der die Nichte des Bürgermeisters kennt, ist wertvoller als jeder Anwalt. Die deutschsprachige Facebook-Gruppe „Deutsche in der Provence“ enthält mehr praktisches Verwaltungsrecht als jede offizielle Website.
Und irgendwann, wenn die Anlage endlich läuft, der Zähler rückwärts dreht und die Nachbarn neugierig vorbeischauen, um sich selbst eine anzuschaffen – dann war es das alles wert. Die EU-Erstattung trifft vielleicht ein, vielleicht auch erst in drei Jahren. Aber die Sonne rechnet ohnehin nicht mit Behördengängen.