Verspätung ist überall, nur immer anders: Eine Liebeserklärung an Europas Bahnen
Photo: Airon90, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
Es gibt diesen Moment, jeden kennt ihn: Man steht auf dem Bahnsteig, die Anzeigetafel blinkt rot, und man beginnt ein Gespräch mit einem Fremden, das so beginnt wie tausend andere: „Na, auch Verspätung?" Nur was das Wort bedeutet, hängt – das haben uns diesmal dutzende Leser-Mails gezeigt – ganz massiv davon ab, auf welchem Kontinent man gerade steht. Also, auf welchem europäischen Land.
Deutschland: Die Ankündigung ist die Entschuldigung
Unsere Leserin Sabine aus Kiel brachte es auf den Punkt: „In Deutschland wird die Verspätung erst erfunden, dann eingetragen, dann entschuldigt." Die Deutsche Bahn hat die Pünktlichkeit nicht verloren, sie hat sie in ein anspruchsvolles Dokumentationssystem verwandelt. Wer hier fünf Minuten zu spät kommt, bekommt eine App-Benachrichtigung, eine Durchsage, einen Entschuldigungsbrief und – bei genug gesammelten Minuten – irgendwann ein Gutschein, dessen Einlösung wiederum eine halbe Stunde dauert.
Das Schöne daran: Es ist ein kulturelles Versprechen. Wir Deutsche glauben ans Prinzip, nicht ans Ergebnis. Der Fahrplan ist eine moralische Instanz. Dass die Wirklichkeit ihn täglich widerlegt, tut dem Glauben keinen Abbruch.
Italien: Der Streik als Lebensrhythmus
Ganz anders Matteo aus Bologna, der seit Jahren zwischen Deutschland und seiner Heimat pendelt: „In Italien steht der Streik im Kalender wie ein Feiertag. Man weiß wochenlang, dass am Freitag nichts fährt – und plant entsprechend. Es ist keine Störung, es ist Struktur."
Tatsächlich hat das etwas Beruhigendes. Der italienische Sciopero ist angekündigt, transparent, fast familiär. Man geht am Streiktag einfach nicht zum Bahnhof, sondern ans Meer. In Deutschland würde man den Tag mit Protestmails an die Bahn verbringen und trotzdem pünktlich am Gleis stehen, nur um enttäuscht zu werden. Wer hier flexibel ist, gewinnt.
Frankreich: Verhandeln ist eine Kunstform
Frankreichs Bahnkultur hat laut unserem Leser Pierre aus Lyon einen anderen Dreh- und Angelpunkt: das Gespräch. „Ein französischer Streik ist nie ein Streik, er ist eine Verhandlung mit Mitteln." Die SNCF fährt im Streik übrigens oft weiter – nur langsamer, dünner, mit einem gewissen philosophischen Grundton. Man erreicht sein Ziel, aber man hat unterwegs Zeit, über den Sinn der Reise nachzudenken.
Und wer sucht eigentlich das Abteil?
Eine Frage aus euren Mails hat uns besonders gefreut: Wem sucht man im Zug das Abteil? In Deutschland: niemandem, man reserviert und verteidigt. In Italien: der gesamten Familie inklusive Onkel, der noch kommt. In Frankreich: der Person, mit der man gerade ein Gespräch über die Lage des Landes begonnen hat. In Portugal: jedem, der freundlich fragt – und danach bekommt man auch noch eine Einladung zum Mittagessen.
Vielleicht ist das die eigentliche europäische Einheit: Kein Land hält sein Bahnversprechen, aber jedes auf seine eigene, liebenswerte Art. Und während die DB über Pünktlichkeitsstatistiken grübelt, sitzen wir mit einem Kaffee im Fensterplatz und denken: Hauptsache, es fährt irgendwann los.
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